Stolpersteine
Zeitzeugen aus Hamm und Erlebnisse aus dem Alltag in Hamm
Im
Rahmen unserer Ausstellung im Jahr 2000 über „Juden
in
Hamm” hatte sich ein älterer Herr gemeldet. Herr R.,
der
einzige Überlebende der elfköpfigen
jüdischen Familie
Rosenbaum aus Hamm, wollte nach 59 Jahren seine verdrängten,
tief
eingeschlossenen schrecklichen Erlebnisse und das traurige Schicksal
seiner Familie öffentlich machen. Herr R. verstarb mit 82
Jahren
im Jahr 2001. Das Stadtteilarchiv hat aus seinen Erfahrungen und
Berichten einer anderen Familie eine Broschüre
zusammengestellt,
die man über das Stadtteilarchiv beziehen kann. Hier ein
Auszug:
„Ich bin der einzig Überlebende von einer elfköpfigen Familie — da ist nichts von übergeblieben. … Ich hatte zu der Zeit schon geheiratet, war 20 Jahre alt, meine Frau war 19. Wir hatten die Möglichkeit, nach Amerika zu emigrieren. Wir hatten eine Bürgschaft von dem Bruder meines Vaters gehabt, aber dann brach der Krieg aus mit Russland, somit war alles gesperrt … Wir zogen also in die Hammer Landstraße — etwa 1940 — zu meinen Schwiegereltern. … Meine Frau war eine geborene Rosenbaum, ihre Eltern waren die Ärzte Rosenbaum in der Hammer Landstr. 59. Praktizieren konnten sie schon mehr. Sie sind alle nach den Nürnberger Gesetzen Juden gewesen, haben aber nie etwas davon gewusst, denn die Familie war seit Generationen getauft, absolut evangelisch erzogen. … ” 1
Sowohl Herr R. als auch seine Frau durften aufgrund der Rassegesetze nicht studieren. Ab 1938 erloschen die Approbationen jüdischer Ärzte.
1941 wurde die Familie Rosenbaum nach Lodz in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt, vorher hatten die Nazis ihnen alles — außer 25 kg Gepäck — weggenommen.
„Ein Stadtteil in Litzmannstadt — Industriegebiet — wurde komplett mit Stacheldraht eingezäunt … Die Menschen, Polen, die dort wohnten, wurden rausgeschmissen und wir kamen da rein. 1941 gab es dort keine Wasserklosetts, es gab nichts. Keine Kultur, nichts … Zusammen mit meiner Frau und meinen Schwiegereltern lebte ich in einem 20 qm großen Raum. Im Ghetto gab es große Wäschereien, Teppichwebereien, Schneiderfabriken. Alle Juden, die dort hinkamen, mussten arbeiten, jeder was er konnte. … 1944 waren meine Eltern weg, meine Brüder weg und meine Schwiegereltern weg.” 2
Herr R. und seine Frau wurden weiter nach Ausschwitz verschleppt.
„Es ging in Ausschwitz sehr schnell. Männlein und Weiblein wurden sofort getrennt. Nach ein paar Tagen sah ich meine Frau noch einmal wieder, aber nur am Zaun. Da hatte sie schon keine Haare mehr auf dem Kopf, sie war kahl geschoren, für uns Männer war das nicht so schlimm, aber für die Frauen. Und dann habe ich sie nie wieder gesehen. Das war alles. Ich bin aus Ausschwitz weggekommen, aufgrund dessen dass ich Handwerker war. … 2 Tage später wurde ich in das Konzentrationslager in Görlitz überstellt. … Wir kamen in die Abteilung, wo Granaten gedreht wurden. …” 3
Herr R. konnte mit ein paar Kameraden im Mai 1945 aus dem Lager fliehen und irrte mit ihnen durch halb Deutschland, geriet in russische Gefangenschaft, bis er schließlich wieder nach Hamburg kam.
Trotz aller Hetze und Hass gab es auch in Hamm mutige Menschen, die versucht haben, den Juden zu helfen. Kurt und Werner Sunkel, Jg. 1923 und 1924 erinnern sich:
„Zu Übergriffen auf jüdische Mitbürger kann ich sagen, dass ich mit eigenen Augen gesehen habe, wie Dr. Rosenbaum auf der Straße angespuckt wurde. Sie waren als Juden zu erkennen, weil sie den Judenstern tragen mussten.
Sonntagmorgens zog die Hitlerjugend in Fanfarenzügen durch die Straßen. Das geschah schon um sieben Uhr morgens, die machten einen Riesenlärm. Wenn am Straßenrand einer mit einer Zigarette stand, gingen sie zu ihm und schlugen ihm die Zigarette aus dem Mund oder auch den Hut vom Kopf.
Es gab in Hamm auch eine Anzahl von Menschen, die die jüdischen Bürger unterstützten. So können wir uns an einen Zigarrenhändler (Herr Molkenteller) erinnern, der Juden mit Tabak und Zigaretten versorgte. Sowas konnten Juden damals nicht mehr bekommen. Oder auch in unserem Hause, da gab es ein Milchgeschäft — Frau Bramfeldt. Diese Frau hat den Juden zugesteckt, was sie nur konnte. Sie war nachts unterwegs und stellte Lebensmittel vor die Türen. Dabei schwebte sie ständig in Lebensgefahr ….
…dass alle diese Menschen in ein KZ kamen war uns schon damals bekannt. …weil unser Onkel, der wegen ‚Rassenschande’ zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt worden war und diese Strafe auch in Kassel abgebüßt hat, im KZ Oranienburg umkam.” 4
1-4
Wir zogen in die Hammer Landstraße — Leben und
Sterben
einer jüdischen Familie, Hrsg. Stadtteilarchiv Hamm, Hamburg
2001